Hanna - Teil 2
Die Blätter
fallen und ich kann mich nicht bücken.
Im Winter habe ich von meiner
Schwangerschaft erfahren und der Entbindungstermin war weit weg. Im Herbst
erst...... , dachte ich. Dazwischen liegt der ganze Frühling, der lange Sommer
und fast im Winter bist du erst da. Das dauerte mir zu lange.
Auf
einmal wurden aber die Blätter doch gelb und die ersten kahlen Bäume erfreuten
mein Gemüt. Dazu muss man vielleicht noch sagen, dass ich den Herbst an sich
immer gehasst habe. Nach dem Herbst kommt ja bekanntlich der Winter und
jedes Jahr stelle ich erneut fest, dass ich in der falschen Gegend geboren bin.
In all dem Grau und der Kälte bekam ich immer meine Winterdepressionen. Tut mir
leid, aber dem Winter kann ich nicht viel schönes abgewinnen. Außerdem kann ich
nicht gerade sehr gut Skifahren und mir fallen auf Skieinladungen keine neuen
Ausreden mehr ein. Gut, dass nun ein Kind auf dem Weg war.
Der Herbst
stimmte mich sehr froh und die Bäume konnten nicht schnell genug ihre Blätter
verlieren. Am liebsten hätte ich jeden einzelnen geschüttelt! Als ob du dadurch
eher kämst.... Ständig stand ich im bereits einzugsfertigen Babyzimmer. Ich
zählte immer wieder die Strampler, Pullover und fing an alles zu katalogisieren.
Was hatte ich bereits in welcher Größe gekauft, was brauchen wir noch ? Ich
suchte verzweifelt nach sinnvoller Arbeit .
Wehen oder
Bauchschmerzen
Ich würde ja keiner Frau empfehlen ihren
voraussichtlichen Entbindungstermin zu verraten. Natürlich habe ich diesen
Tipp zu Beginn meiner Schwangerschaft auch gelesen. Es stand nur nirgends der
Grund dafür beschrieben, also posaunte ich alles gleich aus vor lauter Freude.
Auch das habe ich mit deinem Vater bereuen müssen... Dein errechneter
Geburtstermin war der 15.10.2004 und jeder glaubte, so auch ich, es würde
vielleicht schon etwas eher los gehen. Eine Woche vor deinem voraussichtlichen
Geburtstermin stand das Telefon bereits nicht mehr still. Die Familie, die
Freunde und Bekannten kamen fast um vor Neugier. Wie fühlt man sich als werdende
Mutter, wenn alles fragt: Ist es schon soweit ? , Merkst du schon
was ?, Hast du schon Wehen?
Oh ich hatte es satt und dein Vater
auch. Wir kappten nach ein paar Tagen, des Telefonmarathons, das Kabel vom
Telefon. Mein Entbindungstermin verstrich sang und klanglos... Ich kaufte
Hirtentäscheltee, ich badete heiß bis zur Übelkeit, ich putzte ALLE Schuhe, die
Fenster. Wir nahmen jeglichen Wehenfördernden Rat an und setzten ihn um. Nichts!
Mir fiel zu Hause die Decke auf den Kopf. Ich versuchte die Zeit mit Schlafen
totzuschlagen. Das hatte jedoch die Auswirkung, dass ich nachts putzmunter
war.
Ich kannte jegliche dümmliche Talkshow im Fernsehen und regte
mich darüber auf und berichtete am Abend deinem Vater von den Themen. Ich kam
mir so unnütz vor und mir war verdammt langweilig. Am schlimmsten fand ich die
Gerichtssendungen... Falls ich eine Sendung verpasst hatte, sah ich die
Wiederholungen in der Nacht. Irgendwann bekam ich endlich leichte Bauchschmerzen
und ich bildete mir ein, dass sie in regelmäßigen Abständen kommen. Ich stand im
Badezimmer und veratmete meine Wehen . Nun ja, ich stellte irgendwann fest, dass
ich nur mal aufs Klo musste. Keine Wehen. Nix . Eine Woche
verging.
Meine Bekanntschaft mit dem CTG
Am 26. Oktober bekam ich einen Termin zur Einleitung der Geburt im
Klinikum R. Unser Baby hätte eigentlich im Sternkreiszeichen der Waage geboren
werden sollen, aber dieses Datum war leider überschritten. Der Skorpion
bestimmte nun für einen Monat die Himmelsgestirne. Mit Skorpionen hatte ich in
meinem Leben bisher nie gute Erfahrungen gemacht. Beispiele gibt es genügende.
Nun war es also soweit, ausgerechnet ich bekam ein Skorpion Baby. Das einzige
Sternzeichen, was ich nicht unbedingt fürs Kind wollte bzw. für
mich.
Als ich am 26.10.04 , 7:00 Uhr in der Klinik am CTG
lag, teilte die diensthabende Hebamme mir mit, dass es nicht sicher sei, dass
ich heute eingeleitet werde. Viele Frauen seinen mit mir heute morgen zum
Einleiten gekommen. Einige waren schon zwei Tage weiter über dem Termin als ich
und diese hätten Vorrang. Die Ärztin schickte mich auf STATION zum
Warten.
Ich kam auf STATION an und das Krankenhausfutter wartete
auch schon auf mich, sowie mein Bett. Was sollte ich da? Ich hatte eine
wahnsinnige Krankenhausphobie und mir daher fest vorgenommen nach mindestens
drei Tagen wieder draußen zu sein. Nun ja, in meinem Zimmer lagen bereits zwei
glückliche Mütter mit ihren Neugeborenen. Ich nahm mein Essen und ging mit
deinem Vater, der sich extra frei genommen hatte, in ein Besucherzimmer.
Wir beide hatten nur noch Galgenhumor übrig. Du solltest heute zur Welt
kommen, so hatte uns mein Arzt das zumindest versprochen und nun erwartete uns
eine Schlange von Hochschwangeren, entbindungswütigen Frauen, die einen Tag
weiter waren als ich. Frechheit. Wir sahen nach draußen und erblickten ein
Eichhörnchen auf einen Baum. Mir fiel sofort das Sprichwort von einem ehemaligen
Kollegen ein.: Der Teufel ist ein Eichhörnchen! Das brachte mich wieder
zum Lachen. Plötzlich kam eine Schwester zu uns und sagte, dass wir sofort in
den Kreißsaal sollten.
Oh, welch Freude, jetzt ging es also los.
Mein Herz fing an zu hüpfen und gleichzeitig beschlich mich doch ein mulmiges
Gefühl. Eine Geburt auf Kommando ? Wir gingen fast schweigend zum Kreißsaal,
Hand in Hand. Erneute CTG Kontrolle und mein Rücken tat weh und mein Hintern
schlief ein. Die Hebamme entriss mir zusammen mit deinem Vater meine Hose, samt
meinem Slip mit dem Befehl: Schlüpper runner!
Herjeh! Ich hoffe,
dein Vater vergisst jenen unromantischen Augenblick und Anblick schnell. Man
schmunzelte über meinen String, den ich ja immer trug. Wo war die
Schwangerschaftsunterwäsche, wenn man sie braucht ?!
Ich
habe Muskelkater
Die Ärztin legte ihr erstes Gel , womit
die Geburt eingeleitet werden sollte. Wieder zwei Stunden CTG Kontrolle und ich
spürte nichts! Vielleicht ein ganz klein wenig Bauchweh, aber nicht der
Rede wert. Im Nachbarkreißsaal hörte ich eine Frau, die in den Wehen lag und
kurze Zeit später ein Kind gebar. Ich lachte nur über ihre Schreie und nahm mir
vor, nicht so lautstark zu brüllen, wenn es soweit ist. So schlimm kann es ja
nicht sein. Der Tag verging, die Nacht brach herein, keine Bauchschmerzen mehr.
Dein Vater ging heim und telefonierte mit seinem Chef, dass die Geburt noch
nicht stattfand. Erneut bekam er einen freien Tag. Meine erste Nacht im
Krankenhaus stand bevor.
Ich schlief in mitten einem Zimmer von
frischgebackenen Müttern mit ihren Babys. Gibt es schlimmere Folterungen? Bei
jedem Seufzer der Kleinen und Schnarchen der Mütter war ich wach. Warum
schlafen Babys so laut !? Mein Bauch hing aus meinem Bett heraus. Ich beschloss
diagonal zu schlafen, um nicht bei jedem Drehen gleich herauszufallen. In dieser
Nacht schlief ich nur drei Stunden. Der nächste Tag ging los, wie der
vorhergehende endete. CTG, Gel, CTG, keine Wehen. Erneut sechs Stunden warten.
CTG, Gel, CTG , keine Wehen. Ich stieg Treppen. Acht Etagen hoch, acht Etagen
herunter. Fünf mal mindestens. Ich schwitzte und die Beine taten mir weh. Ich
war fix und fertig und hatte noch nicht mal die Geburt hinter mir. Ich war
den Tränen nicht nur nahe, ich konnte sie nicht mehr daran hindern aus meinen
Augen zu rinnen. Eine Hebamme erkundigte sich nun nach meinem Wohle. Sie
schickte mich für die eine Nacht nicht in mein ursprüngliches Zimmer zurück,
sondern in das so genannte Familienübernachtungszimmer, was leer stand. Dort
konnte ich ausschlafen und wieder psychisch zu Kräften kommen. Deinen Vater ließ
ich für den nächsten Tag zur Arbeit gehen, weil bei mir ohnehin Pause angeordnet
wurde. Einen Tag ohne Medikamente. Ich beschloss, dass ich das Warten aufgeben
musste. Ich redete mir ein, dass es wohl gar nicht mehr zur Geburt kommt und es
ging mir besser. Kann das einer verstehen?
Fortsetzung - Hanna kommt auf die
Welt